Menschenkinder!

„Kinder der neuen Zeit“

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Mensch, lass Dein Kind doch endlich wieder Kind sein!

Sie wurden vor 1970 geboren? Wie haben Sie es eigentlich geschafft unbeschadet, heil und noch halbwegs am Stück Ihre Kindheit und Jugend zu überleben? Meinen herzlichsten Glückwunsch zu dieser nahezu unschlagbaren Leistung

Im Prinzip lehne ich pauschalierte Sprüche á la „Früher war sowieso alles besser!“ oder „Bei uns war die Welt noch in Ordnung!“ grundsätzlich und konsequent ab. Es gibt jedoch Begegnungen und Ereignisse, die auch mich gelegentlich dazu veranlassen, zurückzublicken und kritisch zu hinterfragen, wie ich es eigentlich geschafft habe, ohne nennenswerte Schäden davonzutragen, meine Kindheit und Jugend zu überleben, und dabei auch noch alleine und eigenverantwortlich gelernt habe, geradeaus zu laufen und täglich aufs neue meine Schule zu finden ohne dabei versehentlich im Dschungel- Dickicht des Amazonas zu landen. In Anbetracht der heute offensichtlich allerorts und permanent lauernden immensen Gefahren und offenbar tödlichen Bedrohungen, zusätzlich befeuert durch die allgegenwärtige Medien- Berichterstattungen, ein für mich greifbares wahres und kaum noch nachvollziehbares Wunder!

Denke ich an meine eigene Kindheit und Jugend zurück, fallen mir sofort unzählige Begegnungen und Erlebnisse, Abenteuer und Erinnerungen ein, die nach elterlichen Maßstäben vielleicht nicht immer ungefährlich und risikoarm waren, die jedoch maßgeblich dazu beigetragen haben, mich zu dem werden zu lassen, was ich heute bin: Spontan, sicher, offen, mutig, tolerant, eigenverantwortlich, selbständig und mit gnadenlosem Optimismus und viel Selbstironie gesegnet. Mal richtig auf die Nase legen? Ja klar und? Krönchen gerade rücken, Pflaster aufs Knie, aufstehen und weiter geht’s!

Für uns war kein Baum war zu hoch; die Untermieter in Form von Zecken und Flöhen haben wir beim gemeinsamen Igel- Kuscheln dezent übersehen; die an den Waden festgesaugten Blutegel beim Angeln im Bach sind irgendwann von alleine abgefallen und die plattgewalzten Pfennigstücke, die wir auf die Schienen einer Bimmelbahn gelegt hatten, habe ich noch jahrelang wie einen Schatz gehütet. Ein verlassenes Haus war der aufregendste Abenteuer- Spielplatz; wir haben, wenn wir durstig waren, Wasser aus dem Bach im Wald getrunken; ungewaschene Himbeeren direkt vom Busch und Kirschen vom Baum, dabei großzügig die proteinreiche Fleischeinlage in Form von Würmchen ignoriert; hingebungsvoll haben wir mit dem Einmachglas Froschlaich aus dem Weiher gefischt, um zu studieren, wie daraus Frösche entstehen und mein Haustier war ein selbstgefangener grottenhässlicher grau- brauner Molch in einem bepflanzten Terrarium.

Kein Mensch hat sich Gedanken hinsichtlich der chemischen Zusammensetzung und eventuellen Toxizität und drohenden Gefahren von Fingerfarben, Knetgummi, Klebstoffen (Richtig, da gab´s doch mal einen in einer silbernen Blechdose, der roch so unwiderstehlich nach Marzipan, da musste doch auch unbedingt mal probiert werden, ob der auch so schmeckt, wie er riecht!) und Lacken, geschweige denn der Ernährung gemacht. Gegessen wurde das was schmeckt – egal ob vom heimischen Tisch oder direkt vom Obstbaum und Strauch! Unsere Ernährung wurde nicht misstrauisch und kritisch aufgrund der Inhaltsstoffe beäugt und hinsichtlich des Nährwertes mit Hilfe von Nahrungsergänzungsmitteln aufgepeppt; Laktose-, Fruktose- und Gluten- Unverträglichkeiten, heute fast schon ähnlich der Erhebung in den Adelsstand, gab´s auch nicht; unser IQ und EQ stand noch nicht auf dem Prüfstand und zur öffentlichen Diskussion und es gab auch noch keine angeblich verhaltensauffälligen Kinder, die täglich mehrfach mittels Ritalin & Co. auf Empfehlung eines Arztes ruhiggestellt werden mussten.

Keiner von uns hat jemals eine kinderpsychologische Praxis von innen gesehen (Gab´s das damals überhaupt schon?) und niemandem wurde vorgehalten, er sei zu laut und zu hyperaktiv, geschweige denn deshalb verhaltensauffällig: Wir waren Kinder, durften uns auch noch als solche (daneben) benehmen und die ganz große weite Welt für uns meistens allein und unbeaufsichtigt entdecken!

Wir haben bei Wetten für fünf D- Mark ein Wasserglas mit fünf Kaulquappen leergetrunken; mindestens ein Knie war immer mit einem Pflaster bedeckt oder gerade verschorft und wir waren stundenlang verschwunden, ohne dass unsere Eltern genau wussten, wo wir eigentlich genau waren und was wir so alles anstellten; wir haben mit wildfremden Menschen für zehn D- Mark pro Eimer Weinbergschnecken eingesammelt und wir sind am Wochenende und in den Ferien erst nachhause gekommen, wenn es draußen dunkel wurde.

Wir hatten noch das, was man echte Freunde nennt und nicht wie heute anonyme Follower auf Facebook, Twitter und Instagram; wir haben dicht- und zusammengehalten wie Pech und Schwefel und kein Mensch hat sich jemals Gedanken darüber gemacht, inwieweit unsere Kumpel intellektuell akzeptabel und mit dem eigenen gesellschaftlichen Status kompatibel sind oder eben nicht. Man hat uns weder per Auto in die Schule gebracht, noch abgeholt, sondern wir sind mit dem Fahrrad gefahren oder gelaufen; es gab keine allmächtige Nabelschnur in Form eines Handys und unsere Zeit nach der Schule war nicht von unseren Eltern verplant, sondern gehörte uns allein. Für uns gab es genau zwei Dinge, die unser Leben bestimmten: Schule und Freizeit und letzteres haben wir ausgiebig genossen!

Nur am Rande bemerkt: Meine Eltern haben mich weder verwahrlosen lassen, noch mich vernachlässigt; ich komme auch nicht aus einer bildungsfernen Familie, in der die Kinder sich selbst überlassen waren und meine Eltern waren auch keine Anhänger der damals vielfach propagierten anti- autoritären Erziehung. Wofür ich meinen Eltern jedoch heute noch dankbar bin: Sie waren für mich da, wenn ich sie gebraucht habe, aber sie haben mich frühzeitig abgenabelt, mich an der langen Leine ins Leben geschubst und einfach nur Kind sein lassen!

Ich bin mir absolut sicher, auch unsere Eltern haben sich Sorgen um uns gemacht, des öfteren mit Blick auf unsere eigene Risikobereitschaft die Luft angehalten und sich ganz bestimmt Gedanken gemacht, wenn wir wieder einmal spurlos und unauffindbar verschwunden waren. Unsere Eltern haben jedoch niemals versucht, uns unsere Lernerfahrungen – positiv wie auch negativ – zu nehmen, uns einzuschränken, zu gängeln und über Gebühr zu bevormunden. Das einzige Sicherheitsnetz war meine Familie, mein Zuhause und eine von meinem Vater sicherheitshalber abgeschlossene Haftpflichtversicherung nachdem ein Bauarbeiter, der einen leeren Bierkasten geschultert hatte, versehentlich auf ein Paar abgestellte Rollschuhe auf dem Treppenabsatz eines Supermarktes getreten war und dabei eine unfreiwillige Landung in den Eingang des Ladens hingelegt hatte, wobei ein ordentlicher Kollateralschaden entstanden war.

Alles in allem war es, sicherlich auch für meine Eltern, eine höchst aufregende, spannende und ereignisreiche Zeit, die ich keinesfalls missen möchte und auf die ich richtig stolz bin, denn ich habe sie unbeschadet überstanden und überlebt und ich habe sie als Kind erlebt und gelebt!

Nahezu ein jeder wird schon einmal dieses wundervolle Zitat, das ich sehr liebe, gehört oder gelesen haben:

Wir haben die Erde nicht von unseren Eltern geerbt, sondern sie nur von unseren Kindern geliehen.
(Indianisches Sprichwort)

So schön dieses indianische Sprichwort jedoch auch ist, haben wir uns jemals kritisch und objektiv gefragt, was für Menschen wir unserer Erde mit den von uns heute geborenen Kindern schenken? Wir hinterlassen mit unseren Nachkommen, Kindern und Enkelkindern, unübersehbar Spuren in unserer Welt.

Sind diese Spuren es jedoch wirklich wert, erneut begangen zu werden, ihnen zu folgen oder ist die Zeit eher reif, endlich neue Pfade zu suchen? Machen wir aus unseren Kindern wirklich mit dem, was wir Ihnen zeigen, sagen und in ihre Zukunft mitgeben, selbständige, bewusste, achtsame und eigenverantwortliche Menschen? Geben wir unseren Kindern tatsächlich das bestmögliche mit auf ihren Weg ins Leben und ihre Zukunft? Oder sind wir auf dem besten Weg aus ihnen passive, unsichere und angepasste, ängstliche und verhuschte Wesen, unselbständige und zögerliche Duckmäuschen zu machen, die sich bei Risiken und Herausforderungen lieber mit zugehaltenen Augen in die hinterste Ecke verkriechen in der Hoffnung von allerorts lauernden Gefahren und Bedrohungen verschont zu bleiben? Oder bescheren wir der Welt mit unseren Kindern mit ihren iPods, iPhones und iPads die Generation „i“ oder etwas reduzierter: Die Generation ICH, ICH, ICH?

Wird unsere Welt zukünftig mit unseren Kindern zu dem werden, was wir uns für sie wünschen und was wir alle in Zukunft überlebensnotwendig brauchen? Werden unsere Kinder überhaupt die Kraft und Stärke entwickeln können, unser aller Hoffnungen und Erbe zu tragen und schlussendlich auch umzusetzen und zu realisieren? Oder ist es nicht eher so, dass wir in unserer Unfähigkeit und unserem Unwillen zur Veränderung, Weiterentwicklung und zu mehr Bewusstsein, diese Last an unsere Kinder weitergeben?

Die besten Fragen an das Leben und die Gesellschaft, bzw. deren Entwicklungsstand, stellt das bewusste Erleben des Lebens selbst – nackt, schonungslos, kritisch und konfrontierend mit dem eigenen Selbst und dem eigenen aufgestellten Weltbild. Auch nach jahrelanger härteerprobter Praxisarbeit und unzähligen, manches Mal wirklich kuriosen und denkwürdigen Begegnungen mit den unterschiedlichsten und widersprüchlichsten Persönlichkeiten und Charakteren, gibt es auch bei mir noch Situationen und Ereignisse bei denen mir wirklich die Worte fehlen und ich zunächst einmal über das soeben Erlebte gründlich und intensiv nachdenken muss, um mir selbst plausibel erscheinende Antworten auf drängende Fragen geben zu können.

Was mich zu der kleinen Rückschau in Richtung meiner Kindheit veranlasst hat, war ein kleines Erlebnis, das widersprüchlicher und gegensätzlicher nicht hätte sein können, eigentlich fast unbedeutend und doch sehr aufschluss- und erkenntnisreich, fast sogar aufrüttelnd. Diese Begegnungen, teilweise wirklich schräg und fast schon gruselig, veranlasste mich dazu kritisch zu hinterfragen: In welcher Welt leben wir eigentlich heute und was hinterlassen wir für die Zukunft in unseren Kindern?

Ein jeder der Kinder im Zahnspangenalter hat, wird sicherlich den allgemeinen Run auf die bunten Sammelbildchen, angeboten von einer bekannten Supermarkt- Kette, kennen. Obwohl ich selbst keine Kinder im Zahnspanngen- Alter habe, hatte ich mir nach getätigtem Einkauf immer die Karten von der Kassiererin aushändigen lassen und sie an gut sichtbar vor der Kasse und im Eingang des Ladens postierte Kinder verschenkt, die einen jeden Kunden bereits mit glänzenden Augen angesichts der Vorfreude auf die zu erwartenden Sammelkarten fixierten. Ein besonders ertragreicher Tag schien für die Kiddies grundsätzlich samstags zu sein, da an diesem Tag offensichtlich besonders viele Kunden Lebensmittel einkaufen und die zu erwartende Ausbeute an erhamsterten Sammelkarten erheblich größer zu sein schien.

Also ließ ich mir, sofern ich einmal an einem Freitagabend in den Supermarkt ging, die Karten aushändigen und hortete sie bis zum nächsten Samstag- Einkauf. Nachdem ich also meinen Einkauf bezahlt hatte, erhielt ich eine Handvoll der begehrten Karten. Am Ende der Kasse in Richtung Ausgang stand ein kleines Mädchen, ca. 6 Jahre alt, erwartungsfreudig strahlend, Handy griffbereit im Anschlag und sprach mich sofort an, ob ich ihr die Sammelkarten schenken würde. Ich habe ihr die Karten in die Hand gedrückt und meinte: „Wenn Du einen Moment wartest, ich habe im Auto noch einen ganzen Stapel davon liegen, wenn Du die auch haben magst, gebe ich sie Dir gerne!“ Was antwortet die Kleine mir da todernst mit absoluter Todesverachtung im Blick: „Ja, die Karten nehme ich gern, aber ich darf mit Ihnen nicht sprechen und auch nichts von Ihnen annehmen, meine Mutter hat gesagt, dann werde ich von Ihnen sofort entführt und missbraucht, das machen alle Erwachsenen mit Kindern!“ Meine Reaktion, ansonsten eher nicht mit Wortfindungsstörungen gesegnet? Null! Meine Kinnlade klappte in diesem Moment nach unten und mir blieb jeder weitere Kommentar im Hals stecken! Mein erster Gedanke: „Ja, geht´s denn noch?“

Da steht ein kleines Mädchen ganz allein stundenlang im Einkaufsgetümmel in einem Supermarkt, um ihr völlig fremde Menschen anzusprechen und die heißbegehrten Sammelbildchen einzusammeln (Damit hat ihre Mutti offensichtlich keinerlei Problem!). Im Gegenzug wird dem Kind jedoch bereits im Vorfeld suggeriert, bloß mit niemandem zu sprechen und nichts von Fremden anzunehmen, da sie sonst garantiert entführt und missbraucht wird! Wie paradox und widersprüchlich ist das denn? Was mich an dem ganzen Vorfall zutiefst geschockt und getroffen hat war die Tatsache, dass hier die Angst und Befürchtung im Hinblick auf eine eventuell drohende Entführung, sowie eines fiktiven Missbrauchs nicht als vage Möglichkeit oder aber rein fiktive mögliche Bedrohung in den Raum gestellt wurde, sondern nach dem „wenn-/dann- Prinzip“ und „So isses!“ als unumstößliche Tatsache: „Wenn Du mit jemandem sprichst oder etwas annimmst, dann wirst Du entführt und missbraucht!“

Schlagartig ist mir kurioserweise in diesem Moment sofort der ehemals nahezu täglich im Fernsehen zu sehende Clip „Na, Du hast aber einen schönen Hasen; komm ich zeig Dir mal einen richtigen Hasen!“ eingefallen. Unabhängig davon, dass dieser Kurzfilm, der die latente Gefahr von Entführung und Missbrauch aufzeigen und davor warnen soll, nahe der Grenzdebilität angesiedelt ist, dürften aller Wahrscheinlichkeit hier Wahn und Wirklichkeit relativ realitätsfern auseinander liegen. Mal ganz ehrlich: Welche verantwortungsvolle und resolute Mutter überlässt freiwillig einem derart schmierigen Typen, der so ziemlich jedwedes schräge Klischee hinsichtlich eines Entführers und Kindesmissbrauch- Täters bedient, ihre kleine Tochter, um ihr von ihm einen „richtigen Hasen“ zeigen zu lassen?

Die Kleine wartete dann geduldig im Eingang des Supermarktes bis ich mit den Karten in der Hand zurückkam, nahm diese freudestrahlend entgegen und erklärte mit ernsthaft, wenn ich wieder einmal Karten gesammelt hätte, könnte ich sie auch gerne unter ihrer Handynummer anrufen. Wenn ich nicht zu weit weg wohnen würde, könnte sie auch gerne bei mir zuhause vorbeikommen und die Sammelkarten direkt abholen oder sie könnte sich auch samstags zu einer fest verabredeten Uhrzeit mit mir auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt treffen, da könnte ich ihr dann die Karten geben. Es versteht sich von selbst, dass ich das Angebot sofort dankend abgelehnt habe, aber wie war das an dieser Stelle noch mal mit dem Thema Angst vor Entführung und Missbrauch?

Nachdem ich diese denkwürdige Begegnung für mich persönlich vorerst abgehakt hatte, setzte ich meinen Wochenendeinkauf fort, dieses Mal die große Filiale einer Drogeriemarkt- Kette in der Innenstadt. In der langen Schlange vor der Kasse stehend, wartet direkt hinter mir eine Mutter mit ihrer ca. 4- jährigen Tochter. Nun ja, ich gebe gerne zu, man hört anderen Menschen nicht uneingeladen bei Gesprächen zu, aber manches Mal sehe auch ich über solche Prinzipien dezent hinweg, zumal sich das Gespräch zwischen Mutter und Tochter sehr interessant gestaltete.

Die Kleine: „Duuu, Mama, sag mal, wie heißt meine kosmische Mutter noch mal?“ (Wie bitte, was für eine Mutter? Kosmisch? Jetzt verspricht es aber wirklich interessant zu werden!) Die Mutter: „Lena, das weißt Du doch, das habe ich Dir doch schon so oft erzählt, das war Miranlaya, das ist doch die Frau von Metatron!“ (Aaah ja, jetzt wird es so richtig spannend!) Töchterchen an Mama: „Und wo hat mich Miranlaya gekriegt?“ Mutti todernst: „Aber das weißt Du doch auch schon lange, das war auf dem Stern Centra- R!“ (Häää, wo bitte?) Neue Frage an Mama: „Und wo ist das?“ (Tja, kluges Kind, das würde mich jetzt aber auch brennend interessieren!) Mutti: „Na das liegt doch gleich neben Sirius und das gehört zu Aldebaran!“ Mäuschen an Mama: „Und wo ist das?“ Mutti hinter mir: „Das weißt Du doch, da warst Du doch schon einmal, das ist ganz weit weg im Universum!“ (Ich glaub´s doch jetzt nicht wirklich!)

Neugierig geworden, was da gerade offensichtlich von einem anderen Stern genau hinter mir steht, drehte ich mich zu Mutti mit Töchterchen um. Auf den ersten Blick eigentlich recht normal aussehend, aber nach diesem Statement kann ich mich gewisser Zweifel doch nicht so recht erwehren. Die Mutter lächelt mich leicht verstrahlt und etwas weltentrückt an und meint dann doch ernsthaft: „Wissen Sie, meine Tochter ist ein echtes Sternenkind aus dem Universum und sie ist, nachdem sie ihr letztes Leben auf ihrem Heimatstern verbracht hat, als inkarnierte Lichtsaat in diesem Leben zu mir auf die Erde gekommen. Sie will immer wieder wissen, wer ihre kosmischen Eltern sind und wo sie herkam! Ist doch irgendwie süß, gell?!“

Mein erster Gedanke: „Aaaah ja, passt schon! Wahrscheinlich doch nicht ganz so normal, wie sie auf den ersten Blick aussieht!“ Ich bemühte mich wirklich redlich um einen ernsten Gesichtsausdruck ohne in schallendes Gelächter auszubrechen und fragte die stolze Lichtsaat- Mutti: „Und Sie selbst stammen von der Erde?“ Mama: „Neiiin, wo denken Sie hin! Ich war bereits vor zweieinhalbtausend Jahren auf Centra- R ihre Ur- Mutter und jetzt haben wir uns endlich nach langer Suche wiedergefunden! Diese Kinder sind ganz anders, als die von der Erde, so hochsensibel und empfindsam, eben echte Lichtsaaten- Kinder. Sie erziehen sich selbständig, denn sie ganz allein wissen, was gut für sie ist und was sie wirklich brauchen. Sie hüten schließlich das Ur- Wissen der Menschheit und bringen Millionen Jahre altes elementares Wissen zu uns auf die Erde!“

Okay, jetzt ist es wirklich amtlich: Eindeutig nicht normal! Um das ganze nicht weiter ausufern zu lassen, zumal wir bereits einige höchst interessierte Mithörer mit begeistertem Grinsen im Gesicht in der Warteschlange begrüßen durften, habe ich mich entschieden, Mutti nicht zu fragen, was es denn bitteschön mit der kosmischen Mutter Miranlaya auf sich hat und wer denn nun eigentlich tatsächlich der Erzeuger ihrer auf einem anderen Stern zwischen Sirius und Aldebaran als Lichtsaat geborenen Tochter ist.

Ich unterscheide niemals in Bezug auf Menschen zwischen Kulturen, Nationalitäten, Religionszugehörigkeit oder Hautfarbe, für mich ist alles und allein entscheidend, dass ich mit einem Menschen kommuniziere, ihn dabei achte, wertschätze und respektiere. Ich liebe nichts mehr, als Begegnungen mit anderen und andersdenkenden Menschen, den kommunikativen Austausch mit ihnen, das immer weiter von und mit ihnen Lernen, das gegenseitige Verstehen, auch wenn man nicht immer eine gemeinsame Sprache spricht.

Die beiden Erlebnisse an diesem Samstag hätten gegensätzlicher und widersprüchlicher nicht sein können. Was jedoch die beiden Begegnungen gemeinsam haben: Zwei Mütter, völlig unterschiedlich, eine davon zwar körperlich nicht anwesend, jedoch fast spürbar präsent in ihrer völlig überzogenen, eingrenzenden und nahezu paranoiden Angst vor drohender Entführung und Missbrauch, offensichtlich überbehütend, nahezu mit panischen Wahnvorstellungen gesegnet, die ihrer Tochter offenbar suggeriert hat, dass unsere Welt und damit unsere Gesellschaft gefährlich, uneinschätzbar und überaus schlecht ist und allerorts uneinschätzbare Gefahren lauern.

Die zweite Mutter: Offensichtlich mit einer unfassbaren Realitätsferne gesegnet, augenscheinlich infiziert mit einem, den klaren Blick schwer eintrübenden Virus des esoterischen Kuriositätenkabinetts, dabei völlig weltentrückt und in der Realität ver- rückt, redet ihrer kleinen Tochter ein, sie stamme nicht von der Erde, sondern sei in Form einer Sternenstaubsaat, mit immensem Millionen Jahre altem Wissen gesegnet, als Sternenkind einer Miranlaya und eines Vaters namens Metatron von einem, gleich neben Sirius und Aldebaran, zu ihr gekommen.

Keine Frage, man kümmert sich aufopferungs- und hingebungsvoll um seine Kinder. Bereits die Kleinsten besitzen ein kindergerechtes Handy, zumeist auch einen altersgerechten Computer, gelegentlich sogar schon eine Prepaid- Kreditkarte, haben einen Facebook- Account, Xing wird bereits anvisiert, besuchen einen elitären Kindergarten, der allen Bedürfnissen gerecht wird, in dem sie bereits mit zwei Jahren Chinesisch lernen und für den man sich bereits gleich nach der Geburt auf die ellenlange Warteliste setzen ließ. In der anspruchsvollen Schule für Hochbegabte wurden die lieben Kleinen bereits angemeldet, als sie gerade mal krabbeln konnten und der Weg durch´s Studium auf einer Elite- Uni ist ebenso, wie der spätere Karriere- und Beruf(ung-)sweg in Forschung, Finanzen und Wirtschaft dank Papi´s Vitamin- B (= Beziehungen) bereits bei der Einschulung in Planung.

Neben der „richtigen“ Schule und Universität, wird sich darüber hinaus auch aufopferungsvoll und vollumfänglich um die Freizeit der Kinder gekümmert. Selbstverständlich werden die Freunde und vor allen Dingen deren Eltern der Kleinen hinsichtlich der Kompatibilität des eigenen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Status hinterfragt und vorsorglich ausgesiebt. Man bleibt eben lieber unter sich und sorgt dafür, dass dies auch so bleibt, schließlich soll aus dem eigenen Kind ja mal was werden und früh genug ist niemals zu früh!

Was man früher etwas geringschätzig und leicht abwertend als „Eislauf- und Ballett- Mütter“ bezeichnete, wird heute von gleichgesinnten profilierungssüchtigen Über- Mami´s begeistert gegenseitig beklatscht. Da werden Kinder im Krabbelalter bereits zum Baby- Casting für die trendy Kinderpflege- Linie geschleppt, Fotos an jede nur erdenkliche Kinder- Modell- Agentur verschickt, und die Kleinen zum nächsten Fotoshooting dorthin geschleift und spätestens mit sechs Jahren wird der Nachwuchs beim Casting zu „DSDS- Kids“ und „Supertalent“, angesichts des in den Augen (Und vor allen Dingen im Gehör!) der stolzen Eltern förderungswürdigen und überragenden Gesangstalents, vorgestellt, sowie täglich der Facebook- Account mit Bildern aus jeder Lebenslage gefüttert. Bereits zum Recall werden mit stolz geschwellter Brust die ersten Interviews gegeben und vorsorglich Ausschau nach einem zukünftigen Pressesprecher und Medienberater gehalten.

Der Nachwuchs wird weitgehendst verplant für Nachhilfestunden, Musik- und Gesangsunterricht, zusätzliche Fremdsprachen werden gelernt, Reiten gilt schon aus nahezu nicht mehr zu tolerierende Ausnahme, dafür steht jedoch Tennis, Golf und Tanzen ganz hoch im Kurs und in Malkursen wird der perfekte Pinselstrich und das stilsichere Anmischen von Farben alter Meister geübt. Blockflöte und Schlagzeug werden heute eher der pöbeligen Unterschicht zugeschrieben, wenn schon ein Musikinstrument, dann muss es wenigstens Geige, Oboe, Cello oder Piano sein und dies darüber hinaus möglichst virtuos gelehrt von einem empfohlenen unglaublich bekannten und sündhaft teuren Privat- Lehrer, der mindestens ebensolche Erfolge ausschließlich in den ersten Opernhäusern und auf angesehenen Bühnen und Festspielen vorweisen muss.

Heimliches Standardwerk in Bezug auf Erziehung und Förderung ist hierbei oftmals Amy Chua´s „Die Mutter des Erfolgs: Wie ich meinen Kindern das Siegen beibrachte“. Dass Amy Chua den Inhalt Ihres zu Papier gebrachten geistigen Ergusses in punkto Militär- Drill in ihren Augen erziehungsresistenter Kinder bereits revidiert hat und das ganze sich als Fake erwiesen hat, wird von den Über- Mami´s hierbei gerne übersehen. Kritik- resistent wird weiter das Leben der lieben Kleinen in die richtigen Bahnen gelenkt, komme da was wolle!

Glücklich darf sich ein jedes dieser Kinder schätzen, wenn Mutti noch nicht auf die grandiose Idee gebracht wurde, die in den USA so verbreiteten und gern genutzten Peilsender zwecks 24- Stunden- Rundum- Überwachung, in die Kleidung der Kinder einzunähenden oder ein Armbändchen mit GPS- Sender anzulegen, die dann ganz bequem von der heimischen Couch aus per Satelliten- System über ein Labtop kontrolliert werden können. Auf diese Weise ist sichergestellt, dass die eigenen Kiddies sich zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort aufhalten und bloß keine Dummheiten machen. Das ganze ist nur noch steigerungsfähig durch einpflanzbare RFID- Chips, die mittels einer Injektion unter der Haut platziert werden. Genau, jetzt bewegen wir kommunikativ uns auf Augenhöhe; wir sprechen genau über den lesbaren Chip, den man auch Ihrem Familien- Wuffi beim Tierarzt Ihrer Wahl eingepflanzt hat!

Das Phänomen der mittlerweile völlig abstrusen und ins monströse überzogenen Angst der Eltern vor Gewalt, Entführung und Missbrauch im Hinblick auf Ihre Kinder hat bereits so sehr um sich gegriffen, dass Wissenschaftler dafür einen Namen kreiert haben: Die Eltern- Paranoia oder –Hysterie! Was die meisten Eltern und vor allen Dingen insbesondere Mütter dabei völlig außer acht lassen: Sie projizieren damit nicht nur ihre eigenen, vielfach in medialen Berichterstattungen ausgeschlachteten Entführungsfälle wie z.B. im Fall der kleinen Madeleine McCann, zumeist völlig überzogenen und wahnhaften Ängste auf Ihre Kinder, sondern suggerieren den Kleinen, die Welt sei immens schlecht und ausnahmslos alle Menschen sind abgrundtief böse.

Aus einem wünschenswerten und vertretbaren Maß an Misstrauen, Kritikfähigkeit und Skepsis, einer gesunden Aufmerksamkeit und natürlichen Wachheit, wird hier eine hoch- neurotische und nahe der Grenzen zur Paranoia befindliche Angst erzeugt. Durch die Überwachung der Kleinen, möglichst rund um die Uhr, damit den überbesorgten Eltern auch bloß kein Schnieferchen entgeht, bauen sich die Eltern ein Kontroll-System auf, das sich beim näheren Hinsehen als eine illusionäre Pseudo- und Scheinsicherheit erweist.

Was diesen Wandel im Hinblick auf unsere Kinder bewirkt hat? Heute werden in vielen Familien die Kinder stellvertretend für das eigene oftmals fehlende Glück angesehen. Kinder tragen bereits frühzeitig die Verantwortung, die verlorenen Träume ihrer Eltern für sie leben und verwirklichen zu müssen. Sie werden als eine Art von Besitz oder Bestandteil ihrer Eltern angesehen, den es mit aller ihnen zur Verfügung stehenden Macht zu behüten und zu bewahren gilt. Hierbei wird den Kindern vielfach eine so hohe Bedeutung, ähnlich einem unermesslichen persönlichen Schatz, beigemessen, dass die Entwicklung, das Handeln und Entscheiden wie ein Augapfel gehütet und entsprechend akribisch kontrolliert wird.

Kinder brauchen keine Rund- um- die Uhr- Kontrolle, sondern die liebevolle Anleitung und Hilfe ihrer Eltern. Ganz im Gegenteil wirkt sich die permanente Kontrolle in nahezu wahnhafter Angst- Paranoia vor dem, was alles geschehen könnte, äußerst negativ auf den normalen Drang nach Selbständigkeit und Autonomie aus. Wir nehmen unseren Kindern damit jede Chance gegenüber kommenden Herausforderungen und ersticken das natürliche Bedürfnis, zu wachsen und Erfahrungen zu sammeln, selbst zu erleben und zu entscheiden, sich im Vergleich und Wettbewerb mit anderen Kindern zu messen und sich gegenseitig herauszufordern, bereits im Keim.

Die Welt braucht keine „neuen“ Kinder mit einem „neuen“ Bewusstsein, sondern vielmehr Eltern mit Weitblick, Mut und Verständnis für deren naturgegebenen Bedürfnisse. Wir sollten ganz schnell verinnerlichen, dass unsere Kinder weder unser Privatbesitz, noch verantwortlich für unser eigenes unerfülltes Lebensglück und unsere eigenen verpassten Chancen und Möglichkeiten sind. Durch eine permanente Rundum- Kontrolle können wir sie niemals vor dem beschützen, vor was wir selbst uns fürchten. Unsere Kinder haben ein Recht darauf, frei von Ängsten, Befürchtungen ihrer Eltern zu leben und zu starken, selbstbewussten und achtsamen Menschen mit Durchsetzungsvermögen und Eigenverantwortung heranzuwachsen.

Herzlichst
Jutta A. Lotz- Hentschel
Praxis „Ansavita“

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About juttalotzhentschel

Jutta Lotz- Hentschel Schriftstellerin & Autorin Autoren- Kollektiv "WortKUNST"

3 responses to “Menschenkinder!”

  1. julinero says :

    Deine Begegnung mit dem Sternensaaten-Kind? Einfach köstlich! Vielen Dank. Aber auch ein Beitrag der sehr sehr nachdenklich macht …

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  2. Gerda Brinkmann says :

    Schöner Beitrag, liebe Jutta, der mich einerseits schmunzelnd, andererseits sehr nachdenklich entlässt. Ich bin vor 1970 geboren und ich habe überlebt. Ich bin aufgewachsen auf einem Bauernhof mit Kühen und Pferden. Ich bin im Jagdgalopp über die Felder ohne Sattel geritten, mehrfach im Galopp vom Pferd gestürzt und habe keinen Genickbruch erlitten, bin im Winter mit einer Minilampe am Fahrrad vom Konfirmandenunterricht nach Hause gefahren, das waren 5km… es war bitterkalt, die Händchen in den Handschuhen am Lenker fast festgefroren und es war eine einsame Strecke, die ich zu fahren hatte. Jedes Mal war ich dankbar, wenn ich das Licht meines Elternhauses erblickte. Ja, in Norddeutschland kann man weit gucken. Da hatte ich dann noch 2 km zu fahren. Wenn ich deine Geschichten lese, die du an einem Samstag erlebt hast, dann fällt auch mir die Kinnlade runter. Über den ganzen esoterischen Wahn, der in dem Fall wohl höchst irritierende Ausmaße angenommen hat und hier wohl schon Bewusstseinsstörungen bei der Mutter vorliegen, habe ich mich ja schon geäußert. Ich halte das für sehr bedenklich und noch gefährlicher, Kinder in dem Wahn zu erziehen. Wie sollen aus den Kindern mal vernünftige Erwachsene werden? Vielleicht können sie ja bis dahin auf ihrem Planeten landen und wohnen…. Nein, nein, nein…
    Die erste Geschichte zeigt die Gradwanderung auf zwischen Behüten und Verängstigen. Ich bin selbst auch Mutter, ich habe meinen Kindern nie so die Angst gezeigt, aber ich bin ihnen heimlich hinterher, wenn sie meinten, sie führen alleine mit dem Rad zur Freundin. ( In den Neunzigern wurde ein Mädchen bei uns im Dorf angesprochen und sollte mit ins Auto, da bekommt man Angst. Meine Tochter war da 5 Jahre alt). Die Angst schwingt bei den Eltern immer mit, dazu sind auch verstörende Filme im Fernsehen nicht gerade zuträglich. Man muss sich als Eltern immer wieder hinterfragen, wie schütze ich mein Kind einerseits und wie gebe ich ihm Freiheiten, ohne Angst aufwachsen zu können… Liebe Jutta, es ist nicht leicht… Aber gerade unsere Generation sollte daran denken, wie wir aufgewachsen sind und gelassener sein, aber manche Dinge werden sich so nicht zurückholen lassen; auch nicht diese ursprüngliche Angstlosigkeit, dazu überwiegen zu sehr der neue Zeitgeist, unterstützt durch Internet und Medien. Wir können selbst im Kleinen anfangen, die Welt wieder ein wenig normaler zu machen, in dem wir selbstbewusst und selbsbestimmt durchs Leben gehen und das einfach vorleben.

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  3. julinero says :

    Da bin ich aber froh, dass ich vor 1970 geboren wurde und noch Kind sein durfte!

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