Saatzeit!

„Einkaufen fast wie in einem gigantischen Supermarkt“

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Der Traum eines vom Himmel gefallenen ganz großen Lebensglücks oder die unerfüllbare Illusion, reich ernten zu können ohne jemals Saat ausbringen zu müssen!

Es gibt eine wunderbare und sehr metaphorische Geschichte, die eine Problematik nicht treffender auf den Punkt bringen könnte: Die illusionäre Hoffnung reiche und vielfältige Ernte einfahren zu können ohne sich vorher Gedanken hinsichtlich der auszubringenden Saat und sich während der Wachstumsphase auch keine Arbeit in Bezug auf Dünger, Bewässerung und Pflege machen zu müssen. Irgendwas wird schon wachsen und irgendwann wird das ganze auch irgendwie reif zur Ernte sein. Nun jedoch erst einmal zur Geschichte!

Ein junger Mann hatte eines Nachts einen sehr lebhaften und ganz wunderbaren Traum. Er befand sich in einem sehr luxuriösen und unüberschaubar großen Geschäft. Die gesamte Einrichtung und Ausstattung, die hohen Wände, der Marmor- Boden und die Decke glänzten und glitzerten und waren aus den erlesensten Materialien sehr kunst- und geschmackvoll gestaltet. Leider war für den jungen Mann nicht erkennbar, was in dem Laden zum Kauf angeboten wurde.

Hinter üppig bestückten und unendlich langen Regal- Reihen und einer riesengroßen Verkaufstheke stand zunächst schweigend ein wunderschöner Engel in einem sehr kostbaren Gewand, der ihn ansah und gewinnend und freundlich zulächelte. Der Engel sagte zu dem jungen Mann: „Guten Tag, seien Sie uns von ganzem Herzen gegrüßt und willkommen! Wir freuen uns, dass Sie heute den Weg zu uns gefunden haben. Sehen Sie sich ganz in Ruhe in unserem Laden um, vielleicht finden Sie bei uns genau das, was Sie schon immer gesucht, jedoch nie gefunden haben. Wir bieten Ihnen das absolut außergewöhnliche in bemerkenswerter und einzigartiger Qualität, die Sie sonst nirgends finden können. Nur Mut, Sie haben unendlich viel Zeit, um sich alles ganz genau anzuschauen und auch alles anzufassen. Sollten Sie noch Fragen haben, stehe ich Ihnen sehr gerne zur Verfügung.“

Völlig überwältigt und gefangen von dieser freundlichen Begrüßung und all dem Glanz und Glitzer fragte der junge Mann: „Ich wünsche Ihnen auch einen schönen guten Tag. Was verkaufen Sie denn hier in Ihrem wunderschönen Laden?“ Der Engel gab ihm freundlich Auskunft: „Alles was Sie wollen und was immer Sie sich wünschen, mein Herr!“ Der junge Mann antwortete: „Das hört sich ja ganz phantastisch und fast paradiesisch an. Dann hätte ich selbstverständlich gerne sofort zum Mitnehmen…

– eine Frau, die mich immer versteht, mich alleine und beständig bis an ihr Lebensende selbstlos liebt und auf die ich mich immer und ewig verlassen kann,

– eine wahnsinnig glückliche Ehe mit meiner Frau bis zu unserem gemeinsamen Lebensende,

– ausnahmslos sehr gute Freunde, die uns begleiten, immer für uns da sind, uns unterstützen und uns helfen, wenn wir sie rufen,

– viele Kinder, die sich sehr gut entwickeln und an denen wir unsere wahre Freude haben und auf die wir stolz sein können; die uns pflegen, wenn wir einmal alt und gebrechlich sind und die uns bei allem unterstützen nach Leibeskräften,

– ein sehr gutes und hohes Einkommen, das uns ein wunderbares Leben garantiert und einen gesellschaftlich angesehenen und wichtigen Beruf, der mich voll und ganz erfüllt und mir die Anerkennung, den Ruhm und die Ehre beschert, die mir gebührt,

– und, und, und ….. !“

Die Wünsche des jungen Mannes nahmen kein Ende mehr und er redete und redete ohne Unterlass. Da fiel ihm der Engel plötzlich ins Wort und sagte sehr freundlich, aber auch ein klein wenig bestimmt: „Entschuldigen Sie bitte vielmals, mein Herr, dass ich Sie unterbreche. Aber meines Erachtens haben Sie da wohl etwas falsch verstanden! Wir verkaufen keine Früchte in unserem Laden, wir verkaufen hier ausschließlich den Samen, den Sie dann nach Gutdünken selbst aussäen, und anschließend hegen und pflegen, düngen und wässern können, bis er viele Früchte trägt, die Sie dann selbst reichlich ernten können!“ Erschrocken und schweißnass erwachte der Mann aus seinem Traum; von harter Arbeit und Aufopferung war keine Rede, er wollte doch lediglich ernten und das gänzlich ohne jegliche Anstrengung, ohne zeitaufwendige und anstrengende Arbeit und ohne Aufopferung für die anschließende Last einer Ernte. Irgendwie muss der Engel da wohl etwas gründlich missverstanden haben; ihm ging es niemals um Arbeit, sondern vielmehr nur um die Ernte der Früchte. Na ja, es war ja auch nur ein Engel und die haben ohnehin keine Ahnung vom wirklich wichtigen und richtigen Leben!

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Diese kleine Geschichte, die sich so sehr nach einem Gutenacht- Märchen anhört, ist leider alltägliche Realität in meiner Praxis in der Beratung von Klienten. Zuerst kommt die Phase der Visionen: Hier werden mir wort- und blumenreich ausnahmslos alle Visionen und Träume hinsichtlich neuer Projekte, geplanter Neu- und Umorientierungen und persönlicher Veränderungen geschildert. Das hört sich zunächst sehr enthusiastisch und zielorientiert an und man könnte wirklich unterstellen: Das wird was!

In der zweiten Phase werden die einzelnen Schritte und Etappen auf dem Weg zum anvisierten Ziel erörtert und festgelegt. Auch dabei sprudeln die Ideen und Vorschläge meiner Klienten und das ganze gestaltet sich sehr strukturiert und zielgerichtet. Die Planung steht und der Vollendung des Projekts steht an und für sich nichts mehr im Wege. Außer … Nun ja, der Klient sich selbst! Etwaige Rückfragen meinerseits, die schon ein wenig kritischer klingen, werden zumeist beschieden mit einem schlappen „Ach was, ich weiß ja jetzt, welchen Weg ich gehen muss, das wird bombig!“ Damit naht das Ende der Besprechung.

… und dann? Höre ich von meinem Klienten erst einmal bis auf weiteres garnichts mehr! Man könnte sich jetzt der Nerven- Beruhigung und eigenen Illusion hingeben, dass das Projekt doch viel Aufmerksamkeit, Energien und Zeit kostet und das ganze definitiv so klar besprochen war, dass keine Rückfragen notwendig sind. Nach, sagen wir mal in etwa mit schöner Regelmäßigkeit, drei Monaten kündigt sich das nächste Beratungsgespräch an. Meine erste Frage selbstverständlich: „Was macht den Ihr angestrebtes Projekt? Wie weit sind Sie denn bisher bei der Realisierung gekommen?“ Die Antwort dann: “ Tjaaa, irgendwie funktioniert das ganze nicht so, wie ich mir das eigentlich (!!!) vorgestellt habe und deshalb habe ich das ganze dann nach vier Wochen wieder aufgegeben!“Meine Frage: „Weshalb das denn? Die Planung war perfekt, das Ziel absolut realistisch; woran sind Sie bisher gescheitert?“ … und jetzt kommt´s: „Ja wissen Sie, das stimmt ja alles auch. Sie haben ja auch gesagt, dass ich mit dem, was ich da plane, sehr erfolgreich werde. Nachdem das ganze aber nach vier Wochen nicht sofort bombig am Markt eingeschlagen hat, habe ich gedacht, lass ich´s lieber und verschwende nicht noch mehr Zeit und Energie damit. Also irgendwie haben Sie da dieses Mal völlig schief gelegen!“ 

Häää, wie bitte?!!! Wir sprachen über die angestrebten Ziele, Zukunfts- und Markt- Chancen und eine realistische Planung auf dem Weg zum Ziel. Über was wir definitiv nicht gesprochen hatten, war die magische Wunscherfüllung nach dem Schema „Ernten ohne auszusäen!“. Dass meine Klienten in erster Linie selbst erheblich zum Erfolg beitragen, dürfte wohl klar sein; dass das ganze Projekt bis zur Realisierung logischerweise Zeit, Arbeit und Energie plus eventueller Muskel- Hypothek kostet, steht wohl auch unzweifelhaft fest; dass das ganze nicht quasi über Nacht zum Senkrecht- Starter mit Turbolader mutiert, dürfte bei realistischer Betrachtung auch klar sein. Wovon jedoch niemals die Rede war, dass sich das Projekt Wunsch- Ziel wie von selbst aufgrund einer Beratung in meiner Praxis ohne jegliche Anstrengungen und Eigenleistung aus dem Nichts realisiert, sofort ein Bomben- Business mit Wahnsinns- Gewinnen wird, um anschließend möglichst anstrengungsfrei und bequem nur noch die reiche Ernte einfahren zu müssen!

Ganz einfach und schlicht auf den Punkt gebracht: „That´s not my job, it´s your job!“. Ich berate und begleite Sie und zeige Ihnen Wege zum Erfolg auf. Für Ihren zukünftigen Traum- Job ist hingegen nur einer verantwortlich und das sind Sie und sonst niemand! Nicht ich, kein Engelein, ausschließlich Sie, Sie und nochmals Sie! Meine Praxis ist nämlich nicht eine Filiale der zentralen Wunscherfüllungs- Annahme, kein kosmischer Supermarkt und auch nicht die ultimative Geschenke- Abwurfstelle des Universums! Was Sie also Ihrem Traum- Ziel entscheidend nahe bringt? Motivation, und die gibt es in meiner Praxis leider nicht flaschenweise zum käuflichen Erwerb, Innnovation, Zielstrebigkeit, Kampfgeist, Mut und vor allen Dingen Durchhaltevermögen oder etwas simplifizierter ausgedrückt: Den eigenen Hintern in Bewegung bringen! Bedenken Sie bitte: Bewegen Sie sich nicht, bewegt sich garnichts und Ihr angestrebtes Ziel verschwindet vom Horizont wie eine Fata Morgana in der Wüste Gobi!

Herzlichst

Jutta A. Lotz- Hentschel

About juttalotzhentschel

Jutta Lotz- Hentschel Schriftstellerin & Autorin Autoren- Kollektiv "WortKUNST"

One response to “Saatzeit!”

  1. Gerda Brinkmann says :

    Ja, sind wir denn soweit gesunken, dass wir bei all unserer Verblendung durch die Medien denken, dass ALLES auch bitteschön sofort bei uns eintritt! Das perfekte Auto kommt mit einem günstigen Leasingvertrag und ansonsten muss man sich doch dafür nicht anstrengen, oder? ;-P Mühen und Qualen, die mit Erreichen eines Zieles verbunden sind, werden doch von vornherein ausgeblendet! Und wenn ein Ziel nicht sofort klappt, dann hat der Coach eben daneben gelegen!!!
    Schweiß, Anstrengung und Überstunden passen da auch weniger ins perfekte Bild!
    Erfolg, hohes Einkommen, die perfekte Ehe und die hochbegabten Kinder … das muss heute schon sein… aber alles mit Leichtigkeit und ohne Anstrengung!
    Ach, es ist doch gut, dass es doch noch immer so ist, dass man den Samen ausstreuen und dann doch auch weiterhin gießen muss…
    Vertrauen, Ausdauer und Stehvermögen gehören weiterhin zur Erfüllung eines Traumes dazu!

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